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3. Die unterschiedlichen Konstruktionen

 

3.1. Anfänger-Modelle und Melodie-Instrumente

 

Anfänger- und Melodieinstrumente zusammen in eine Kategorie zu werfen, scheint erst einmal verwirrend. Doch ist beiden etwas gemeinsam. Sie basieren auf dem Prinzip einer Kernoktave. Die kleinsten Instrumente haben einen Stimmumfang von 8 Tönen. Z.B. HOHNER Little Lady - ein Miniaturinstrument- oder HOHNER Speedy - ebenfalls mit 8 Tönen, jedoch mit normaler Baugrösse. Bei beiden sind die 8 Stimmen in 4 Kanälen angeordnet, also Blas- und Ziehton jeweils in einem Kanal. Bei der "Hering YARA 9108" sind Blas- und Ziehtöne hingegen abwechselnd nebeneinander untergebracht - dies ist die "Vorstufe" zum Wiener Modell
Ordnet man die Kernoktave 2 mal nebeneinander an, erhält man ein Melodie-Instrument, das auch für den Einstieg in die Spielweise der chrom. Mundharmonika geeignet ist: z.B. die HOHNER Melody Star - mit 16 Tönen. Reiht man 3 Kernoktaven aneinander, erhält man die Tonfolge der HOHNER "Marine Band Soloist" oder der "HERING  MASTER - Solo".

 
3.2. Chromatische Mundharmonikas

 

Der Aufbau der Chromatischen Mundharmonika basiert auf dem Prinzip der im Punkt 3.1. beschriebenen Melodieinstrumente: Die Kernoktave wird mehrfach aneinandergereiht. Das heißt: 2 Oktaven = 8 Kanäle, 3 Oktaven = 12 Kanäle usw.
Zur Chromatik ergänzt wird diese Tonreihe nun, indem sie nochmals komplett (um einen Halbton erhöht), hinzugefügt wird. Diese Töne erreicht man über einen im Mundstück angeordneten Schieber .
Um zu vermeiden, dass es durch die doppelte Anzahl an Stimmzungen pro Kanal,besonders bei den tiefen Stimmen, zu einem zu hohen Luftverlust kommt, werden Chromatics meist ventiliert. (Siehe Stimmzungen und Ventile)

 
3.3. Wiener Modelle

 

Der Aufbau dieser Mundharmonikas basiert ebenfalls wieder auf dem Prinzip der Kernoktave. Allerdings liegen hier Blas- und Ziehtöne nebeneinander und in voneinander getrennten Kanälen! Blas- und Ziehstimmen liegen im Wechsel auf einer Stimmplatte nebeneinander (wie z.B. bei der schon erwähnten HERING YARA) Vergleiche dazu die Richter-Mundharmonika, die je eine Stimmplatte für Blas- und für Ziehtöne hat!
Dadurch besteht nun die Möglichkeit, die untere Stimmplatte für bestimmte "Effekte" zu verwenden: siehe Punkt 3.3.1. und 3.3.2.
Ober- bzw. unterhalb der Kernoktave entspricht die Stimmung meist der Richtermundharmonika, ist also (Begleit-) harmonieorientiert.
Es gibt aber auch Ausnahmen: z.B.: Seydel "Bergzauber", die größeren "Sailor"- "Shanty"- und "Mountain Harp" - Modelle. Diese sind melodiegestimmt, d.h. die Tonfolge der Kernoktave wiederholt sich mehrfach!

 
3.3.1. Tremolo Modelle 

 

Die untere Stimmplatte hat genau die gleiche Tonfolge wie die obere. Allerdings erhalten ihre Stimmzungen absichtlich nicht ganz exakt die gleiche Stimmung, sondern weichen in ihrer Tonhöhe geringfügig ab. Beim Spielen eines Einzeltones erklingen 2 Stimmzungen gleichzeitig. Beim Zusammenklang kommt es zu Frequenzüberlagerungen und es entsteht ein imaginärer 3. Ton, eine sogenannte Schwebung, der Tremoloeffekt. Im Durchschnitt beträgt die Zahl der Schwingungen des Schwebetons 3 bis 4 pro Sekunde.

 
 
3.3.3. Halbwiener

 

Bei der sogenannten Halbwiener fehlt die untere Stimmplatte völlig, oder sie wird nicht mit Stimmzungen versehen (Blindplatte).

 
3.3.2. Oktav Modelle

 

Wie bei der Tremolo-Mundharmonika hat die untere Stimmplatte die gleiche Tonfolge wie die obere, ist aber hier komplett eine Oktave höher, bei manchen Modellen auch eine Oktave tiefer gestimmt. Es erklingen also auch hier bei einem gespielten Einzelton zwei Stimmzungen gleichzeitig. Da diese beiden Stimmzungen genau eine Oktave Abstand zueinander haben, verschmelzen sie zu einem Ton.

3.3.4. Wender und Kreuzwender

 

Bei einer Wender Mundharmonika befinden sich Zwei, im Quintabstand gestimmte, Mundharmonikas gegenüberliegend in einem Gehäuse. Man kann also durch schnelles Wenden während des Spiels geschickt das Manko fehlender Begleitharmonien ausgleichen. Betrachten wir uns diesen Umstand einmal näher: 
Wir spielen z.B. eine G-Dur Tremolo-Mundharmonika. 
Der Übersichtlichkeit halber habe ich die Abb. einer Richter Harp  verwendet, denn hier sind die Blas- (rot) und Zieh-Stimmplatten (schwarz) getrennt zu erkennen. 

 

Bild 3

Es wird deutlich, dass uns für die Begleitung nur die Tonika (G-Dur) und die Dominante (D 7) zur Verfügung steht. Die Subdominante C-Dur fehlt. Benutzen wir nun eine Wender in der Tonart C/G, können wir auch auch die Subdominante C-Dur spielen.Wender Mundharmonikas stehen meist in den Stimmungen C/G, D/A, Bb/F zur Verfügung (HOHNER) Bei Hering gibt es auch das Modell "Vencedora" in A/E Eine umfangreichere Variante ist die Kreuzwender. Mehrere Einzelmundharmonikas sind zwischen zwei kreuz- oder sternförmigen Blechen, an denen sich Halteknaufe befinden, montiert. Bei Hohner ist ein 6-fach-Modell im Sortiment. Hering bietet ein 4-fach und ein 6-fach-Modell an. 

 
3.4. Knittlinger Modelle

 

Eigentlich könnte sie auch den Oktav-Mundharmonikas zugeordnet werden. Der Kanzellenkörper ist doppelkanalig. Blas- und Ziehtöne wechseln sich auf einer Stimmplatte ab. Die Tonfolge ist die gleiche, wie bei Richter und Wiener Modellen. Doch eine Eigenart unterscheidet sie von den Wiener Modellen: Die senkrechten Stege jeweils zwischen Blas- und Ziehzunge fehlen! Also je zwei Stimmzungen befinden sich nebeneinander in einem Kanal.
Dieses von der früheren Firma Hotz aus Knittlingen stammende Bauprinzip wird nur noch bei sehr wenigen Mundharmonikas angewandt. Man traf es bei Hohners "Auto Valve Harp", die nicht mehr hergestellt wird, und bei der "Marine Band Oktav" an. Durch die Ventile wird der Luftverlust vermindert. 
Die Klingenthaler Firma Seydel baut noch die "Concerto". Bei dieser Mundharmonika ist die tiefe Oktave unten und die hohe oben angeordnet. Die Stimmung ist nicht ganz der Richter-Stimmung identisch (Verschiebung um einen Kanal). Dazu später mehr in der Übersicht der Stimmungen.

 
3.5. Richter Mundharmonikas (Blues Harps)

 Ein gewisser Herr Josef Richter aus Böhmen legte um ca. 1875 diese Tonfolge fest. Die Besonderheit in der Konstruktion dieser Mundharmonika liegt darin, dass der Kanzellenkörper nicht quergeteilt ist. Somit teilen sich also jeweils eine Blas- und eine Ziehstimmzunge einen Kanal. Dies führte im Lauf der Zeit zu einigen "Entdeckungen", die auch der Erfinder, der gute Herr Richter, sich bestimmt nicht hätte träumen lassen.
Durch die Anordnung der Stimmen ist es nämlich möglich, eine gewisse Manipulation des Luftstromes vorausgesetzt, die Töne zu biegen bzw. sogar gebogene Töne gleich anzuspielen. Fast unglaublich also: man ist in der Lage Töne zu spielen, die als Stimmzunge auf der Mundharmonika gar nicht vorhanden sind, d.h.
mit nur 20 Basis-Stimmzungen lassen sich 37 Töne erzeugen. Das kann man mit keinem anderen Mundharmonika-Modell !
(siehe dazu Bending und Overblow/Overdraw)
Diese Techniken mussten sich natürlich im Laufe der Zeit erstmal entwickeln. Die besten Voraussetzungen dafür waren vor ca. 100 Jahren in den USA gegeben. Dort begann sich der Blues als musikalische Ausdrucksform der schwarzen Bevölkerung zu entwickeln. Der Blues hat eine relativ einfache harmonische Struktur. Er lebt dafür aber von der ständig währenden Neuinterpretation vorhandener Motive und der Improvisation. Die eigentümliche Faszination des Blues wird aber vor allem durch die "blue notes" ausgelöst. Die Richter-Mundharmonika bot sich bestens zur Verwirklichung dieser Ausdrucksform an. Außerdem war sie für jedermann erschwinglich.
Wie schon erwähnt, ist die Artikulation der Bendings oder Heuler von einer gewissen Veränderung der Luftströmung, der Zungenstellung und den Verhältnissen des Mund- und Rachenraumes abhängig. Da bei jedem Spieler die Gegebenheiten etwas anders sind, ist hier viel Raum für Individualität. Siehe dazu Cross-Harp-Spiel und Bending

 
 
 
3.5.1 Sondermodelle der Richter-Mundharmonika - Sonderstimmungen - Innovationen

 

3.5.1.1. SBS - Steve Baker Special

 

Das SBS - "Steve Baker Special" - Modell basiert auf der normalen 10-kanaligen Richter Harp, deren Harmonieoktave aber nach unten hin erweitert ist:
Die Kanäle 1 bis 3 der Richter Harp werden eine Oktave tiefer nochmals gedoppelt und am oberen Ende wird sie um einen Kanal ergänzt - mit Ziehton H und Blaston E.

 

  

3.5.1.2. Country Stimmung 

 

Country-Stimmung (Bezeichnung bei HOHNER) oder Melody Maker (bei TOMBO)
Hier ist die Stimmung gegenüber der "normalen" Richter-Stimmung etwas verändert worden. Nämlich der Ziehton im 5. Kanal wurde um einen Halbton erhöht.
Warum? Sehen wir uns die Grafik (links Richterstimmung - rechts Country) noch einmal genauer an:

Bild 4

Wenn wir auf einer G-Dur Richter-Harp crossed spielen, ist D die Tonika und G die Subdominante. Die Dominante A hätten wir (leider) nur in Moll zur Verfügung.
Erhöhen wir den Ton C im 5. Kanal zum C#, haben wir A-Dur als Dominante. Allerdings wird nun aus unserem Tonika-Vierklang ein Major-Sept-Akkord. Im Blues eher ungewöhnlich, bieten sich mit diesem aber neue Klangmöglichkeiten in Richtung Jazz oder Latin an.
Ein weiterer Nebeneffekt ist erwähnenswert: dadurch, dass wir im 5. Kanal nun eine große Sekunde als Intervall erhalten haben, läßt sich der Ziehton C# zum C herunter benden !
Achtung! Die Lee Oskar "Melody Maker" von TOMBO hält noch eine weitere "Überraschung" bereit. Bei dieser ist zusätzlich der Blaston im 3. Kanal um einen Ganzton erhöht.

 
3.5.1.3. Moll-Stimmungen (Richter Harmonikas)

 

Blues-Harps in Moll-Stimmungen werden von so ziemlich allen Herstellern angeboten. In der Hauptsache werden 2 verschiedene Tonbelegungen unterschieden:

Natürlich Moll

Harmonisch Moll

 
3.5.1.4. Paddy-Richter-Tuning

 

Diese Mundharmonikas unterscheidet nur ein einziger Ton von einer Dur-gestimmten Richter-Harmonika.

Der 3. Kanal Blasen ist hier einen Ganztonschritt erhöht und ermöglicht dadurch folgende Vorteile:

  • Auf einer C-Dur Harp wird beim gleichzeitigen Blasen der ersten 3 Kanäle aus dem C-Dur Akkord ein A-Moll Akkord

  • Man kann die Skala der parallelen Molltonart ab dem 3. Kanal ohne Bendings spielen

  • Die Kernoktave in Dur bleibt vollständig erhalten

 
3.5.1.5. Chromatic Koch und Slide Harp

 

Diese Mundharmonikas bilden das Bindeglied zwischen Richter- und Chromatik-Mundharmonika. Beide sind nach dem Prinzip der Chromatic gebaut, jedoch wie Richter-Harps gestimmt. Ein "echtes" chromatisches Spielen ist aber nicht möglich - die Töne F (im 2.) A und Bb (im 3.) und H (im 10. Kanal) müssen oder können gebendet werden. Diese Möglichkeiten haben auch ihren Reiz, zudem bestimmte Tonfolgen chromatisch gerückt werden können.
Die Chromatic Koch ist nicht ventiliert. Die Slide Harp ist halbventiliert, was das Benden etwas erleichtert.

 
 
 
3.6. Orchester- und Ensemble - Modelle

 

3.6.1. Bass-Mundharmonikas

 

Egal, ob im Mundharmonika-Orchester, im Duo oder Trio musiziert wird - die Bass-Mundharmonika bietet das Fundament im Zusammenspiel mehrerer Mundharmonikas. Die Bass-Mundharmonika besteht aus zwei übereinander liegenden Kanzellenkörpern. Die Anordnung der Stimmen orientiert sich an der Tastatur des Klaviers. Erhöhte bzw. erniedrigte Töne (den schwarzen Tasten entsprechend) befinden sich im oberen Kanzellenkörper, und die "normalen" (den weißen Tasten entsprechenden) im unteren Körper. Da es mehr weiße als schwarze Tasten gibt, wären nun im oberen Körper noch Kanäle frei. An diesen Stellen sind jedoch nochmals Töne untergebracht - und zwar "F" und "H" aus der diatonischen Folge. Die Bass-Mundharmonika ist zudem zwei-chörig gestimmt (im Oktavabstand).
HOHNER bietet 2 Modelle: eines mit 58 und das andere mit 78 Stimmen.
HUANG erwähnt ein Modell in seinem Katalog, allerdings ist uns bisher noch kein deutscher Importeur bekannt, der es im Sortiment führt.

 

  

3.6.2. Akkord-Mundharmonikas 

 

Für die harmonische Begleitung im (Muha-) Orchester oder Ensemble wurde die Akkord-Mundharmonika konstruiert. Das imposanteste Instrument hat HOHNER im Programm: die M 26701 - ein Instrument mit 384 Stimmen !! Das sind 48 Akkorde (Dur, Moll, Sept, übermäßig, vermindert) in Oktav-Stimmung.
Auch von HOHNER ist die "Vineta" - gedacht für kleinere Besetzungen. Im Harmonieumfang sehr eingeschränkt, bietet sie F-Dur, C-Dur, G-Dur und C 7, G 7, D 7.
Auf Moll, Vermindert und Übermäßig muß man bei ihr verzichten.
Dazwischen siedelt sich ein Modell von HUANG an: die "Chorded 20" - wie die Modellbezeichnung schon verrät, ein Instrument mit 20 Akkorden (je 5 in Dur, Moll, Sept und Vermindert)

Ergänzungen folgen!